Endometriose (Teixeira et al. – 2017)

Endometriose ist ein Krankheitsgeschehen, das durch die Ansiedlung von Gebärmutterschleim-hautzellen ausserhalb der Gebärmutter charakterisiert ist; davon betroffen sind 10-15% der Frauen im gebärfähigen Alter. Unterleibsbeschwerden, die durch Endometriose ausgelöst werden (kurz EAPP), beinhalten folgende Beschwerden: Dysmenorrhoe, starke Dyspareunie (Schmerzen beim Geschlechtsverkehr), nicht-zyklusabhängige Unterleibsschmerzen, zyklische Darmschmerzen und zyklische Blasenbeschwerden.

Studiendesign

Die Studie bestand aus einer 24 Wochen dauernden, randomisierten, klinischen Untersuchung, bei welcher die Wirksamkeit und Sicherheit von drei homöopathischen Potenzen von Östrogen (12CH, 18CH und 24CH) im Vergleich zu Placebo getestet wurden. Die Potenzen wurden der Reihe nach alle acht Wochen an Frauen mit Unterleibsbeschwerden, welche durch Endometriose ausgelöst worden sind, und (ganz oder teilweise) nicht auf konventionelle Behandlung (Hormontherapie und/oder nicht-steroidale anti-entzündliche Schmerzmittel) reagiert haben. Die Teilnehmerinnen wurden 2014 auf der Endometriose-Station der Abteilung Gynäkologie im Clinical Hospital der School of Medicine der Universität von Sao Paulo für die Untersuchung gewonnen und zufälligerweise in die Verum oder Placebo-Gruppe zugeteilt. Es wurde eigens dafür potenziertes 17-beta-Estradiol valerat verwendet und in Tropfenform abgegeben. Nach einer ersten Bewertung und Arzneimittelgabe (Placebo oder Verum in 12CH Potenz) erfolgten drei weitere Behandlungen, jeweils im Abstand von 8 Wochen. Bei Besuch Nr. 2 und 3 erhielten die Teilnehmerinnen Verum in CH18 und CH24 (oder Placebo) und der vierte Besuch in der 24. Woche bedeutete das Ende der Untersuchung. Alle Teilnehmerinnen blieben bei ihrem eigenen Gynäkologen und es waren keine Veränderungen von konventionellen Therapien (Hormonbehandlung/Schmerzmittel) erlaubt.

Beobachtungsparameter

Primärer Beobachtungsparameter war die Veränderung der Stärke der Unterleibsschmerzen gemessen mit dem VAS score (0-10) für die fünf Teilbereiche des EAPP: Dysmenorrhoe, tiefe Dyspareunie(1), nicht-zyklusabhängige Unterleibsscherzen, zyklische Darmschmerzen und zyklische Blasenbeschwerden und ebenso auf einer EAPP Totalpunktezahl (VAS 0-50). Sekundäre Beobachtungsparameter waren die Veränderung in der Beurteilung der Lebensqualität, gemessen mit einem SF-36 Gesundheitsfragebogen, Depressions-Symptome, gemessen mit dem Beck Depression Inventory und Angstsymptome, gemessen mit dem Beck Anxitey Inventory. Diese sekundären Parameter wurden nur zweimal gemessen, zu Beginn und am Ende der Studie.

Resultate

Von insgesamt 1112 berücksichtigten Patientinnen erfüllten 50 alle Einschlusskriterien und konnten der Gruppe Verum (n=23) oder Placebo (n=27) zugeteilt werden.

Primäre Beobachtungsparameter

Potenziertes Östrogen erwies sich als signifikant besser als Placebo in der Reduktion der EAPP Totalpunktezahl und dessen Teilbereiche.

Veränderungen der EAPP Totalpunktezahl: Reduktion MD(2) 12.82; 95% CI(3) 6.74-18.89; P<0.001. Bei der Placebogruppe konnten keine signifikante Veränderung festgestellt werden. Bereits bei den Zwischenmessungen (nach 8 und 16 Wochen) gab es einen Rückgang der EAPP Totalpunktezahl (0–8 Wochen (MD 9.93; 95% CI 6.23-13.63; P < 0.001) und 0–16 Wochen (MD 10.60; 95% CI 5.51-15.68;    P < 0.001).

Bei den Teilbereichen des EAPP wurde bei der Dsymenorrhoe (MD 3.28, 95% CI 1.04-5.52; P<0.001), den nicht-zyklusabhängigen Unterleibsbeschwerden (MD 2.71; 95% CI 0.36-5.05; P=0.009) sowie den zyklusabhängigen Darmschmerzen (MD 3.40; 95% CI 1.12-5.68; P<0.001) eine signifikante Reduktion festgestellt. Auch hier konnten bei der Placebogruppe keine signifikanten Unterschiede gemessen werden.

Sekundäre Beobachtungsparameter

Betreffend Lebensqualität gab es in der Verum-Gruppe signifikante Verbesserungen in drei von acht Teilbereichen: Schmerzen, Vitalität und psychische Verfassung. Bei der Placebogruppe wurden keine signifikanten Veränderungen festgestellt. Die grösste Veränderung war bei den Depressions-symptomen zu verzeichnen, obwohl diese bei der Verum Gruppe auf einem signifikant höheren Ausgangpunkt gestartet waren als bei der Placebogruppe. Signifikante Verbesserung (MD 5.43; 95% CI 2.11-8.74; P=0.001) in Bezug auf die Ängstlichkeitssymptome wurde bei beiden Gruppen gefunden.

Diskussion

Die vorliegende Studie zeigt eine signifikante Reduktion der Endometriose-bedingten Unterleibsbeschwerden nach 24 Wochen Behandlung mit 3 homöopathischen Potenzen von 17-beta-Estradiol im Vergleich zu Placebo. Die ernsten Beschwerden der tiefen Endometriose, die hohen EAPP Werte und das Nicht-Ansprechen auf konventionelle Therapien verdeutlicht die Notwendigkeit von weiteren Behandlungsoptionen. Die Verbesserung der körperlichen Beschwerden, der Lebensqualität und der Depressionssymptome deutet darauf hin, dass potenziertes Östrogen für die Behandlung dieser Erkrankung vorteilhaft sein könnte. Unerwünschte Nebenwirkungen (Blutungsanomalie) traten nur bei einer Patientin auf. Nebenwirkungen, die möglicherweise mit dem Präparat zu tun hatten, kamen bei vier Patientinnen aus der Östrogen-Gruppe (Nasopharyngitis, Leukorrhoe und Durchfall) vor sowie bei elf Patientinnen aus der Placebogruppe (Kopfschmerzen, Nasopharyngitis, Mundgeschwüre, Übelkeit, Bauchschmerzen, Leukorrhoe, Blasenentzündung, Verstopfung, Lichen planus und Herpes simplex). Wenn man die Sicherheit (wenige unerwünschte Nebenwirkungen mit milder bis mässiger Ausprägung) und die tiefen Kosten der homöopathischen Behandlung bedenkt, könnte sich die Homöopathie als eine sinnvolle Standard-Begleittherapie für Endometriose erweisen. Betreffend Potenzwahl halten die Autoren fest, dass in dieser Untersuchung mit der Potenz CH12 ein grosser Ersteffekt gemessen wurde, gefolgt von kontinuierlicher und fortschreitender Verbesserung unter 18CH und 24CH. Die Autoren schliessen daraus, dass die Potenzhöhe keinen oder wenig Einfluss auf die Wirksamkeit hat.

Die Einschränkungen der Studie liegen in der kleinen Gruppengrösse und der kurzen Behandlungsdauer. Gemäss den Autoren deutet die Dropout-Rate von 18% darauf hin, dass es schwierig ist, Patienten mit schweren Leiden und refraktärer Behandlung über einen längeren Zeitraum in einem klinischen Versuch zu halten. Eine zukünftige, länger angelegte, randomisierte, klinische Studie könnte die Resultate dieser Untersuchung festigen. Zugleich könnten auch bildgebende Verfahren eingesetzt werden, die zeigen, dass sich die durch die Endometriose hervorgerufenen inneren Wunden effektiv reduzieren.

  1. Schmerzhafter Geschlechtsverkehr – Dyspareunie – wird eingeteilt in eine oberflächliche und eine tiefe Dyspareunie. Zur oberflächlichen Dyspareunie zählen vulväre Schmerzen sowie der Schmerz im Bereich des Scheideneingangs. Demgegenüber werden Schmerzen in der Vagina, der zervikalen oder der pelvinen (das Becken betreffend), uterinen und abdominalen Region als tiefe Dyspareunie bezeichnet.
  2. MD = mean absolute deviation, englisch für mittlere absolute Abweichung vom arithmetischen Mittel
  3. CI = confidence interval = Konfidenzintervall (auch Vertrauensbereich oder Vertrauensintervall und Erwartungsbereich genannt) ist ein Intervall aus der Statistik, das die Präzision der Lageschätzung eines Parameters (zum Beispiel eines Mittelwerts) angeben soll. Das Konfidenzintervall gibt den Bereich an, der bei unendlicher Wiederholung eines Zufallsexperiments mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit (dem Konfidenzniveau) die wahre Lage des Parameters einschließt. Ein häufig verwendetes Konfidenzniveau ist 95 %, so dass in diesem Fall (mindestens) 95 % aller auf Grundlage von gemessenen Daten berechneten Konfidenzintervalle den wahren Wert des zu untersuchenden Systems beinhalten.

Originaltitel: Potentized estrogen in homeopathic treatment of endometriosis-associated pelvic pain: A 24-week, randomized, double-blind, placebo-controlled study (Potenziertes Östrogen in der homöopathischen Behandlung von Endometriose-assoziierten Unterleibsbeschwerden: eine 24-Wochen, randomisierte, doppelblinde, placebokontrollierte Studie)

Autoren: Marcus Zulian Teixeira, Sérgio Podgaec und Edmund Chada Baracat vom Department of Obstetrics and Gynecology, School of Medicine, University of Sao Paulo, Sao Paulo und Jewish Teaching and Research Institute, Albert Einstein Hospital, Sao Paulo in Brasilien

Erschienen in: European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology, Volume 211, April 2017

Der Artikel ist frei zugänglich unter: https://www.ejog.org/article/S0301-2115(17)30060-X/fulltext

PMID: 28187404 – DOI: 10.1016/j.ejogrb.2017.01.052

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