Homöopathie bei resistenter Tuberkulose (Chand et al.– 2014)

In der Schweiz werden dem Bundesamt für Statistik jährlich rund 500 Fälle von Tuberkulose gemeldet. Im Jahr 2013 wurde bei 13 Patienten und Patientinnen eine multiresistente Tuberkulose (MDR-TB) diagnostiziert.1 Die Tuberkulose ist in der Schweiz zwar eher selten, ihre Behandlung wird aber wegen der Resistenzen immer komplizierter. Eine Studie aus dem Jahre 2014 aus Indien untersuchte die Wirkung einer ergänzenden homöopathischen Therapie zur standardisierten antibiotischen Behandlung.2

Ausgangslage: Als multiresistente Tuberkulose wird eine Infektion durch das Mycobacterium tuberculosis bezeichnet, bei welcher die Patientin eine positive Sputumprobe aufweist und eine Resistenz der Bakterien auf die Antituberkulotika Isoniazid und Rifampicin nachgewiesen wird. Im Jahr 2011 schätzte die WHO die Anzahl der Tuberkulose-Neuinfektionen weltweit auf 8,7 Millionen Fälle, vor allem in Asien und Afrika. 200’000 bis 400’000 der Tuberkulosepatienten gelten als Träger multi-resistenter Mykobakterien.

Studiendesign: Das Forscherteam um Kusum S. Chand untersuchte die Wirksamkeit von einer begleitenden homöopathischen Behandlung zusätzlich zur Standard-Tuberkulosebehandlung mit Antituberkulotika. Dazu wurde zwischen 2003 und 2008 eine randomisierte, doppel-verblindete, placebokontrollierte Studie durchgeführt. 120 Patientinnen mit der Diagnose multiresistente TB nahmen an der Studie in der Gulabi Bagh Chest Klinik von Neu Delhi teil. 81 Personen hatten eine Neuinfektion mit kulturellem Erregernachweis, 39 waren bereits antibiotisch behandelt worden, hatten zwar eine negative Kultur, wiesen aber immer noch Symptome auf. Alle Patienten erhielten eine medikamentöse Kur – bestehend aus den sechs antibiotischen Medikamenten Kanamycin, Levofloxacin, Ethionamid, Pyrazinamid, Ethambutol und Cycloserin – während sechs bis neun Monaten, danach noch weitere 18 Monate vier der sechs Antibiotika. Zusätzlich zur antibiotischen Behandlung wurden alle Patientinnen von zwei erfahrenen Homöopathen untersucht und befragt. Das Symptomenbild wurde repertorisiert und eine individuelle Arznei ermittelt. Die Hälfte der Patientinnen erhielt das homöopathische Mittel ein- bis zweimal pro Woche (Verum-Gruppe). Die Kontrollgruppe erhielt im gleichen Rhythmus ein Placebo. Es wurden zwölf unterschiedliche homöopathische Mittel verschrieben (Sulfur, Arsen, Phosphor, Nux vomica, Pulsatilla, Calcium, Lycopodium, Natrium muriaticum, Ipecacuanha und Sepia in der C30, Tuberkulinum und Bryonia in der C200). Am häufigsten wurde Sulfur verabreicht. Die Patienten wurden alle 15 Tage neu untersucht und das Mittel oder die Potenz (in der Gruppe mit Homöopathika) wurde nötigenfalls angepasst. Die homöopathische Behandlung dauerte 24 Monate mit anschliessenden Follow-ups während 6 bis 36 Monaten. Als Messgrösse für die Analyse dienten die Veränderung des Sputumabstrichs und der kulturelle Erregernachweis (von positiv zu negativ oder umgekehrt), Veränderungen der Lunge auf dem Röntgenbild, die Hämoglobinwerte, die Blutsenkungsreaktion, das Körpergewicht und Veränderungen der klinischen Symptome. Die klinischen Symptome (Husten, Brustschmerzen, Fieber, blutiger Auswurf, Mattigkeit, Appetitlosigkeit, Atemnot) und das Gewicht wurden 15-täglich abgefragt. Sputumproben wurden alle drei Monate gemacht. Hämoglobinwerte und Blutsenkungsreaktion wurden zu Beginn und am Ende der gesamten Behandlungsdauer ermittelt. Alle sechs Monate wurde ein Röntgenbild gemacht und von einer Lungenspezialistin und einer Radiologin nach Grösse der Hohlräume, Fibrosen und Emphysemen bewertet. Während der gesamten Studie wussten weder behandelnde Ärztinnen noch Apothekerinnen noch Patienten, wer der Kontrollgruppe angehört und wer das homöopathische Mittel erhalten hatte (doppelte Verblindung).

Resultate: Von den 120 Patientinnen konnten für 98 am Ende der Studie alle Messgrössen ausgewertet werden (49 Personen der Homöopathie-Gruppe, 49 der Kontrollgruppe). Bei der Hälfte der Verum- und der Kontrollgruppe war nach Studienabschluss kein Tuberkulose-erreger mehr nachweisbar (negativer Sputumabstrich und negative Kultur). Hier konnte kein signifikanter Unterschied zwischen den beiden Gruppen festgestellt werden. Veränderungen in Bezug auf das Gewicht, die Blutsenkungsreaktion, das Hämoglobin und die klinischen Symptome waren zwischen den Gruppen ebenfalls nicht signifikant. Hingegen zeigte sich auf den Röntgenbildern eine signifikante Verbesserung bei der Homöopathie-Gruppe (37 von 49 Personen) im Vergleich zur Placebo-Gruppe (20 von 49 Personen). Während 2 von 49 Patienten der Homöopathie-Gruppe eine Verschlechterung auf den Röntgenbildern aufwiesen, zeigten bei der Placebo-Gruppe 18 von 49 Patientinnen eine Verschlechterung, was ebenfalls signifikant ist. In einem zweiten Teil wurden nur die 81 Patienten analysiert, die zu Beginn der Behandlung eine positive Kultur aufwiesen (Neuinfektionen). Hier schnitt die Gruppe mit begleitender homöopathischer Behandlung auch bei der Gewichtszunahme, beim Hämoglobinwert und bei der Blutsenkungsreaktion signifikant besser ab als die Kontrollgruppe ohne Homöopathie.

Diskussion: In der Tuberkulosebehandlung gelten ein negativer Sputumabstrich und eine negative Kultur nach einer antibiotischen Behandlung bei vormals positiv getesteten Patientinnen als Goldstandard zur Bewertung einer erfolgreichen Therapie. In der Studie konnte kein signifikanter Unterschied mit und ohne homöopathische Begleitung für dieses Kriterium festgestellt werden. Der statistisch signifikante Unterschied bei der Auswertung der Röntgenbilder zwischen Homöopathie- und Kontrollgruppe ist jedoch für das Forschungsteam ein wichtiges Resultat. Sie vermuten, dass die homöopathische Behandlung die Th1-Immunantwort stimuliert hat. Es ist bekannt, dass bei Tuberkulosepatienten die Th2-Immunantwort dominiert und so die Th1-Immunreaktion unterdrückt wird. Eine starke Th1-Reaktion ist jedoch für die Aktivierung der Makrophagen zur Abwehr bakterieller Infekte wichtig. Dies könnte Hinweise auf die Wirkungsweise homöopathischer Mittel liefern und zudem neue Behandlungsmöglichkeiten gegen andere multiresistente Erreger bieten. Bei Neuinfizierten mit homöopathischer Begleittherapie konnte zudem eine statistisch signifikante Verbesserung des Gewichts, der Hämoglobinwerte und der Blutsenkungsreaktion gemessen werden. Dies deutet gemäss den Forscherinnen auf eine Wirkung der homöopathischen Mittel auf den akuten Erkrankungsprozess hin. Bei den abgefragten klinischen Symptomen gab es zwischen den untersuchten Gruppen keine grossen Unterschiede. Am ehesten konnten jedoch Verbesserungen bei der Gruppe der Neuinfizierten mit homöopathischer Begleitung festgestellt werden. Dies lässt vermuten, dass eine frühzeitige homöopathische Behandlung eine Chronifizierung der Erkrankung reduzieren kann. Die Forscher kommen aufgrund des fehlenden Unterschieds zwischen den Gruppen beim Erregernachweis zum Schluss, dass die homöopathische Therapie keinen direkten Einfluss auf die Bakterien selber hat. Jedoch scheinen die homöopathischen Mittel die Reaktion des Körpers gegenüber den Erregern zu beeinflussen, was sich in den verminderten Lungennekrosen bei der Homöopathiegruppe gezeigt hat. Um diese Resultate jedoch absichern zu können, wäre eine grösser angelegte, randomisierte, placebokontrollierte Studie mit mindestens 600 Patientinnen nötig.

Referenzen

1 Tuberkulose in der Schweiz 2014: mehr Fälle von Multiresistenz. Bundesamt für Gesundheit, BAG-Bulletin 2015, Nr. 46, 850-854.

2 Originaltitel der englischen Studie: Kusum S Chand, Raj K Manchanda et al. Homeopathic treatment in addition to standard care in multi drug resistant pulmonary tuberculosis: a randomized, double blind, placebo controlled clinical trial. Homeopathy 2014: 103, 97-107

DOI: 10.1016/j.homp.2013.12.003, PMID: 24685414

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