HVS-News 2020/1 – Interview mit Markus Senn zur HFP

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Als Fortsetzung des Interviews der letzten Newsausgabe zu P1 und P2 der Höheren Fachprüfung HFP erhalten wir nun wertvolle Informationen zu den Prüfungsteilen P3 und P4. Welches die häufigsten wiederkehrenden Stolpersteine für Prüfungsteilnehmende sind, beantwortet uns erneut Markus Senn, Präsident der Qualitätssicherungskommission QSK der Organisation der Arbeitswelt Alternativmedizin OdA AM.

Markus, was genau wird im Prüfungsteil P3 „Fallbearbeitung“ geprüft?
Im Prüfungsteil P3 geht es schwerpunktmässig um die Kompetenzen für unsere Rolle als Erstanlaufstelle. Es geht somit darum, in kurzer Zeit die (schul-) medizinische und fachrichtungsspezifische Situation der Patientin korrekt einzuschätzen. Es geht um die praxis- und anwendungsbezogene Kompetenz, mit Informationen umzugehen.

Kannst du uns ein Fallbeispiel nennen aus vergangenen Prüfungen?
Nein, das kann ich natürlich nicht, aber ich kann näher erklären worum es geht. Der Kandidatin werden zwei schriftliche Fallbeispiele mit Lücken im Informationsgehalt vorgelegt. Sie muss also mit klugen Fragen versuchen, das unvollständige Bild zu vervollständigen und danach ihre Ersteinschätzungen dazu abzugeben.

Es ist eigentlich ganz genau so wie in der Praxis, beispielsweise wenn eine Patientin in einer akuten Situation anruft und wir Fragen stellen, um die Situation korrekt einzuschätzen. Mit diesen neu dazugewonnen Informationen analysieren wir die Situation, das ist alles und eigentlich nichts Neues für uns Praktikerinnen.

Wie gut kann man sich noch mit der zweiten und dritten Phase der P3-Prüfung, der Recherche und dem anschliessenden Fachgespräch „retten“, wenn die Ersteinschätzung nicht gut gelungen ist?
Wichtig ist, jenes Fallbeispiel zur Weiterbearbeitung in die Phasen 2/3 zu wählen, das einem besser liegt, wo mehr Informationen abgefragt wurden und wo mehr Sicherheit vorhanden ist. In der zweiten Phase haben wir die Möglichkeit, unsere Einschätzungen noch zu vervollständigen oder aufgrund unserer Recherchen in unseren Büchern oder online zu korrigieren. Aber nicht erfragte Informationen fehlen uns da eventuell, deshalb ist eine umfassende Informationserhebung in der ersten Phase essenziell.
In der dritten Phase kann dann alles Wissen und die Zweiteinschätzung im Fachgespräch dargelegt werden. Jede der drei Phasen hat eigene Bewertungskriterien, und letztlich ist die Gesamtsumme entscheidend für das Bestehen.

Was wurde an bisherigen Prüfungen P3 häufig falsch oder nicht gut genug gemacht?
Hier ist es sehr entscheidend, sich der Rolle als Erstanlaufstelle bewusst zu sein. Meistens hapert es an der schulmedizinischen Kompetenz, eine bestimmte Symptomatik einzuordnen und dazu differentialdiagnostische Überlegungen zu machen. Das beginnt dann eventuell schon in den ersten Minuten, in denen man allzu krampfhaft überlegt, anstatt die Zeit zu nutzen, um Dutzende Fragen zu stellen, bis man einen roten Faden im Fall hat. Oder es gibt Kandidatinnen, die sich ausschliesslich auf die medizinische Einschätzung konzentrieren und darob vergessen, dass sie auch Symptome des Gesamtsystems, also fachrichtungsrelevante Informationen brauchen. So vergessen sie beispielsweise Modalitäten zu erfragen oder nach Vorerkrankungen in der Biografie nachzufragen. Es braucht also beide Teile – schulmedizinische und alternativmedizinische.
Ein häufiger Fehler bei der Analyse und Präsentation ist, dass man das „Alltägliche“ übersieht und statt einer Sinusitis oder einem Migräneanfall nur nach Hirntumoren oder einem Apoplex sucht.

Wie können sich Prüfungsteilnehmerinnen richtig auf P3 vorbereiten?
Für Personen, die schon lange weg sind von der Theorie und/oder nie richtig engen Kontakt mit der Akutmedizin hatten, ist es unumgänglich die Lehrbücher (wie z.B. „Differentialdiagnose für Heilpraktiker“ oder „Differentialdiagnostik und Leitsymptome kompakt“) hervor zu nehmen und sein Wissen aufzufrischen. Es ist auch hilfreich, sich gegenseitig Fälle zu präsentieren und das Abfragen sowie das Präsentieren etwas zu üben.

Der Prüfungsteil P4 beinhaltet eine Erstanamnese. Im Leitfaden P4 werden die Schwerpunkte gut beschrieben. Kannst du uns trotzdem kurz zusammenfassen, auf was geachtet werden muss?
Es ist klar, dieser Prüfungsteil kommt unserer Praxisarbeit am nächsten. Es ist in der verfügbaren Zeit dennoch wichtig, die Anamnesekompetenzen zu präsentieren. Auch wenn es nur eine gestellte Patientin ist, sollte man versuchen, mit ihr im Gespräch eine therapeutische Beziehung aufzubauen und durchaus auch die Themen, die sie anführt, vertiefen. Gegen Schluss kann durchaus noch eine Übersicht gewonnen werden, indem eine Kopf-zu-Fuss-Abfrage lanciert wird. Es entsteht natürlich nicht der beste Prüfungseindruck, wenn mit schriftlichen Listen und Fragebögen gearbeitet wird, da kann die Kompetenz schlecht gezeigt werden. Es ist wichtig, mit der Patientin auch seine Therapieziele, die Prognose, den Therapieverlauf und das übliche Vorgehen kurz (simuliert) anzusprechen, damit die Expertinnen sehen, wie üblicherweise verfahren wird. In der Analysephase sollte eine Hierarchisation und Repertorisation mindestens ansatzweise versucht werden, damit dies den Expertinnen im folgenden Fachgespräch vermittelt werden kann.

Was sind häufige Fehler, die an bisherigen Prüfungen P4 gemacht wurden?
Oft erlebt haben wir, dass die Kandidatinnen zu wenig ganzheitliche Anamnesen machen und zum Beispiel emotional Vorgebrachtes nicht weiter vertiefen, sondern allzu schnell die Führung übernehmen und das Gespräch in bestimmte Richtungen lenken, statt der Patientin zu folgen. Oder die Fragen beschränken sich nur auf gewisse Aspekte der Anamnese, beispielsweise nur auf die psychischen Symptome ohne interessante körperliche Beschwerden, die ein Anker für den Fall sein könnten, zu beachten. Aber genau das Umgekehrte passiert leider auch, dass der Fokus ausschliesslich auf das Körperliche gerichtet wird. Dies kann je nach Fall genauso schwierig sein. Auch eine körperliche Untersuchung kann angezeigt sein oder sollte zumindest angesprochen werden.

Was ist sonst noch zu beachten im P4?
Auch hier ist es wichtig für das Fachgespräch entsprechend vorbereitet zu sein und seine Überlegungen aufzuzeigen. Auch was in der Praxis mit mehr Zeit zusätzlich noch erfragt oder untersucht worden wäre, sollte erklärt werden. Es wird erwartet, dass man nach den 90 Minuten Anamnesezeit und der nachfolgenden Analyse im Stande ist, einen Mittelvorschlag zu unterbreiten und diesen mit Fakten zu untermauern. Ähnlich wie in der Fallstudie sollten möglichst viele Kompetenzen gezeigt werden und eventuell auch, wenn Zeit bleibt, die Patientenressourcen eruiert und angesprochen werden.

Prüfungskandidatinnen erhalten einen Patienten oder eine Patientin für die Erstanamnese zugelost und es kommt immer wieder vor, dass diese sich für Prüfungszwecke nicht gut eignen. Was muss bei der Wahl der Patientinnen unbedingt beachtet werden?
Es ist wichtig bei der Auswahl eine gewisse Fairness walten zu lassen. Jede Person sollte sich die Frage stellen: „Würde ich diese Patientin selbst gerne in der Prüfung behandeln“? Kann sie bejaht werden und hat die Patientin Beschwerden mit Behandlungsrelevanz, dann ist sie geeignet.

Sind die angebotenen Vorbereitungskurse von Schulen oder der Oda AM auch nützlich für die Prüfungsteile P3 und P4?
Ja, es macht Sinn, solche Kurse zu besuchen, obwohl nicht alle Kurse die gleich gute Vorbereitung bieten. Die Veranstaltung der OdA gibt hierzu natürlich nur die Basics, für Details reicht die Zeit nicht. Aber dafür wissen wir wirklich, was die wesentlichen Punkte sind.

Was möchtest du zukünftigen Kandidatinnen und Kandidaten noch auf den Weg geben?
Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, rege ich trotzdem nochmals an, das Berufsbild mit dem Beschrieb der einzelnen Handlungskompetenzen, die nach dem IPRE-Modell beschrieben sind, gut zu studieren. Wer das gut studiert und die (neuen) Berufsrollen verinnerlicht hat, wird es einfacher haben, zu wissen und zu präsentieren was gefordert ist.

Seid mutig und selbstbewusst!

Lieber Markus, auch für diese Informationen zu den Prüfungsteilen P3 und P4 danke ich dir herzlich im Namen unserer HVS-Mitglieder.
Allen Kandidatinnen und Kandidaten wünschen wir gutes Gelingen!

Jsabelle Tschanen

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