HVS-News 2020/2 – Mein Hund wird alt. Wir teilen ein Stück Leben.

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Kolumne von Katharina Hacker

Sie ist neun Jahre alt, das ist für einen größeren Hund nicht wenig. In letzter Zeit ist sie häufiger krank gewesen, einmal der Bauch, dann eine Lahmheit.
Seit sie ein Reh vor ein Auto gejagt hat, lassen wir sie nur von der Leine, wo kein Wild ist. Sie rennt nicht mehr kilometerweit wie sonst. Sie muss mit uns laufen, allenfalls ein wenig voran.

Wenn möglich gehe ich mit ihr zu unserem Tierarzt auf dem Land. Er guckt sie an, misst Fieber und gibt ihr eine Spritze. Muss ich in der Stadt zum Tierarzt, werden mehrere Untersuchungen vorgeschlagen, oft lasse ich mich überreden, aus Sorge. Zahle ich auf dem Land zwanzig Euro, so in der Stadt hundert.
Wir gucken uns häufiger an als früher, der Hund und ich. Ich altere auch. Ich war jetzt auch krank.
Manchmal gebe ich ihr Kügelchen (Ipecacuanha bei Durchfall oder Erbrechen), manchmal nehme ich selbst welche (auch Ipecacuanha).
Was mich an Tieren am meisten beeindruckt ist, wie sie mit ihrem Lebendig-Sein beschäftigt sind. Ganz und gar beschäftigt zu fressen oder Nahrung zu suchen. Witterung aufzunehmen von etwas. Nachzusehen, was wir Menschen machen. Sie, die Hündin, will wissen, wo ich bin.
Noch immer läuft sie mir entgegen, wenn ich nach einer kleinen Abwesenheit zurückkomme, sie lacht dann, Lefzen zurückgezogen, Zähne leicht gebleckt, den Kopf wiegt sie hin und her. Sie brummt auch.
Was ich von den Tieren lerne, ist das Leben zu bestaunen. Und ihren Eifer. Wie sie in Bewegung sind oder zusammengerollt schlafen. Wie sie Forderungen haben und Hoffnungen. Wie sie nachgeben, wenn sie begreifen, dass ihr Begehr nicht erfüllt werden wird. Wie sie warten, die Hunde, auf uns, immer und immer wieder warten sie auf uns.

Eine Spritze nimmt den Schmerz. Bislang ging es ihr danach besser, sie fasste nämlich Lebensmut, vielleicht überrascht von der unerwarteten Schmerzfreiheit.
Solch ein Schwung trügt vielleicht, er trägt sie über Schwierigkeiten hinweg. Teure Pulver und Lachsöl, die ich für sie gekauft habe, hat sie nicht vertragen.
Ich weiß so wenig. Mit Hilfe von Untersuchungen könnte ich mehr Wissen erlangen. Aber welche Untersuchung soll ich auswählen, welche ausschlagen?
Oft möchte ich nur sagen: Komm. Ich nehme dich überall hin mit. Ich lasse keine Trennung zu. Aber da ist ein zweiter Hund, der nicht alleine bleiben möchte, und Kinder auch.
Ich vermische Welten, Tier- und Menschenwelten, weil ich darüber nachdenken muss, was uns verbindet und wohin ich gehöre. In den Augen meiner alternden Hündin sehe ich etwas, das ich Bescheidenheit nenne. Eine komplexe Empfindung, soviel ist sicher.
Welche Kräfte wirken in ihr und in mir? Welche Erwartungen hat sie?
Hilf mir.
Ich gebe ihr etwas und sage: Das wird dir helfen. Ein Placebo, sagt man, kann bei einem Tier nichts bewirken. Aber Tiere antizipieren, mehr als wir Menschen. Sie antizipieren vielleicht doppelt, denn auch unsere Erwartung nehmen sie wahr.
Sie folgen einer Art Wahrheit, und wenn man versucht, ein Mittel zu finden, das ihnen hilft, muss man das beachten. Eine Spritze oder Kügelchen, vielleicht ist das zweitrangig.

Katharina Hacker stammt aus Frankfurt am Main. Ihr Schaffen umfasst erzählende und essayistische Prosa sowie Übersetzungen aus dem Hebräischen.
Ihr Buch «Darf ich dir das Sie anbieten?» ist letztes Jahr im Berenberg Verlag erschienen.

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