Mittelohrentzündung (Frei et al.)

Homöopathie bei akuten Mittelohrentzündungen: Behandlungseffekt oder spontane Heilung?

In den letzten HVS-News haben wir eine Studie aus dem Jahre 1997 zusammengefasst, in der nachgewiesen werden konnte, dass die homöopathische Behandlung von akuten Mittelohrentzündungen teilweise bessere Ergebnisse lieferte als die konventionelle Behandlung (1). Aufgrund der unterschiedlichen Gruppengrössen in dieser Studie müssen die Ergebnisse aber vorsichtig interpretiert werden.

Im Folgenden die Zusammenfassung einer weiteren Studie, in der es ebenfalls um die homöopathische Behandlung von akuten Mittelohrentzündungen geht.

Heiner Frei (1), André Thurneysen (2) (2001). Homeopathy in acute otitis media in children: Treatment effect or spontaneous resolution? British Homeopathic Journal 2001; 90: 180-182(Download 5)

Akute Mittelohrentzündungen sind – wie wir alle wissen – eine häufige Krankheit im Säuglings- und Kleinkindalter. Nach der Greater Boston-Studie (2) hatten 80% der drei Jahre alten Kinder eine Mittelohrentzündung, 40% davon drei oder mehrere Episoden. Bis vor Kurzem war gemäss Aussage der Autoren die herkömmliche Standard-Behandlung eine 10-Tage-Kur mit Antibiotika, obwohl bekannt war, dass viele Mittelohrentzündungen spontan heilen (3). In den letzten Jahren habe sich gezeigt, dass eine antibiotische Behandlung im Vergleich zu Placebo (4,5) keine Vorteile bringe: 60% der “Placebo-behandelten” Kinder sind innerhalb von 24 Stunden schmerzfrei, 86% innerhalb von 7 Tagen. Aufgrund der hohen Rate der Spontanheilungen sei es schwierig zu beurteilen, ob eine Behandlung wirkungsvoll ist, wenn eine Besserung nach ca. 24 Stunden eintritt. Zweck der vorliegenden Studie war, einerseits festzustellen, bei wie vielen Patienten sich die Beschwerden innerhalb von 6 Stunden mit der ersten Dosis eines homöopathischen Mittels verbessern. Eine weitere Frage war, wie viele Patienten benötigen ein zweites (anderes) Heilmittel und erreichen eine Besserung innerhalb von 12 Stunden, so dass keine weitere Behandlung (z.B. Antibiotika) notwendig ist. Zudem wurde untersucht, ob sich das Komplikationsrisiko bei der homöopathischen Behandlung von der antibiotischen Behandlung unterscheidet. Es wurde auch das Spektrum der homöopathischen Heilmittel und die Wirtschaftlichkeit der Homöopathie im Vergleich zur konventionellen Behandlung analysiert.

Methode

Alle Patienten zwischen 0 und 16 Jahren, die mit akuter Mittelohrentzündung in die Kinderarztpraxis kamen, wurden einbezogen. Die Diagnose wurde auf der Grundlage der Triade: akute Ohrschmerzen, Hörverlust und Anzeichen einer Entzündung des Trommelfells getroffen. Innerhalb von 8 Monaten wurden 230 Patienten in die Studie eingeschlossen. Für die Auswahl der homöopathischen Mittel wurde eine sorgfältige Anamnese und eine körperliche Untersuchung durchgeführt. Für die Auswertung wurde die “Therapeutische Taschenkartei für homöopathische Aerzte” von B. von der Lieth (6) verwendet, ein Kartei-Repertorium basierend auf Bogers Synoptic Key (7) sowie Bönnninghausen Therapeutischer Index (8). Das Hauptproblem der homöopathischen Behandlung von akuten Mittelohrentzündungen ist gemäss Aussage der Autoren das in der Regel sehr akute Auftreten der Symptome. Wegen der unerträglichen Schmerzen werden die Patienten sehr schnell zum Arzt gebracht, was wenig Raum für eine genaue Beobachtung der Beschwerden zulässt. So ist es oft notwendig, ein Mittel auf der Basis von nur wenigen Symptomen auszuwählen. Aus diesem Grund erhielten die Patienten das erste homöopathische Mittel (30c) sofort in die Praxis, ein allenfalls zweites homöopathisches Mittel wurde mitgegeben. Wenn es eine beträchtliche Besserung in den ersten 6 Stunden gab, wurde keine andere Arznei gegeben. Bei anhaltenden Schmerzen konnten die Eltern nach 6 Stunden die zweite Arznei geben. Wenn diese zweite Arznei die Beschwerden nicht innerhalb von weiteren 6 Stunden linderte, konnten die Eltern eine antibiotische Behandlung beginnen.

Ergebnis

90 Patienten (39%) waren innerhalb von 6 Stunden schmerzfrei und benötigten keine weitere Behandlung. 76 (33%) erhielten das zweite homöopathische Mittel und die Symptome verschwanden innerhalb von 12 Stunden. Die übrigen 64 Patienten (28%) bekamen Antibiotika.

Gemäss (4) sind 34% der Patienten, die mit Placebo behandelt wurden nach 12 Stunden schmerzfrei, mit der homöopathischen Behandlung waren es 72%. Dies bedeutet, dass in den ersten 12 Stunden die Homöopathie die Schmerzen 2.1 mal schneller kontrollierte als Placebo. Die Schmerzen konnten mit Placebo bei 72% der Patienten in 72 Stunden kontrolliert werden, mit Homöopathie in 12 Stunden. So konnte mit Homöopathie das 72% Schmerzkontroll-Level ca. 6x schneller erreicht werden als mit Placebo.

Komplikationen

Es gab bei keinen der beteiligten Patienten Komplikationen. Diese Art des Vorgehens bewährt sich in der Praxis der Autoren bereits seit 7 Jahren. Die Autoren schätzen, dass etwa 2400 Kindern mit akuter Mittelohrentzündung in dieser Weise behandelt wurden. In diesen 7 Jahren sind nur bei drei Kindern schwere Komplikationen aufgetreten: Eine Perforation des Trommelfells, ein Cholesteatom und eine Mastoiditis. Damit wird das Auftreten von Komplikationen auf eine Rate von etwa 0,125% geschätzt.

Behandlungskosten

Konventionelle und homöopathische Behandlung benötigten beide einen ersten und einen zweiten Termin in der Arztpraxis. Dies kostete 55.50 Fr. Die Feststellung des homöopathischen Mittels erforderte 5 bis 10 Minuten mehr Zeit als die konventionelle Behandlung (durchschnittlich 20 Fr). Zwei Dosen eines homöopathischen Mittels kosten je 4,60 Fr. Die typischen Kosten des Antibiotikums (z.B. Cephoral, Merck 100 ml) sind 46.80 Fr und ein abschwellender Nasenspray (zB Vibrocil, Novartis) kostet 7.20 Fr. Für die homöopathische Behandlung, einschließlich der 28% der Patienten, die ein Antibiotikum erhalten haben, betrugen die Kosten 94.60 Fr, während die konventionelle Behandlung 109.50 Fr kostet. Die homöopathische Behandlung war somit gegenüber der herkömmlichen Behandlung um 14% billiger.

Referenzen

1) M.D., paediatrician FMH, FA homeopathy SVHA, lecturer and president of the Swiss Association of Homeopathic Physicians.
2) M.D., general medicine FMH, FA homeopathy SVHA, lecturer for homeopathy, University of Berne, Switzerland

Literatur

1. Friese KH., Kruse S. et al: The homeopathic treatment of otitis media in children comparison with conventional therapy. Int. J. Clin. Pharm. and Ther., 1997, 35: 296-301.
2. Klein JO, Teele DW et al: New concepts in Otitis Media: Results of Investigations of the Greater Boston Otitis Media Study Group, Adv. Paediatr. 1992; 39: 127-56.
3. Pichichero ME: Assessing the treatment alternatives for acute otitis media. Paediatr Infect Dis J. 1994;13:27-34.
4. Del Mar C et al: Are Antibiotics indicated as initial treatment for children with acute otitis media? A meta-analysis. BMJ 1997, 314: 1526-1529.
5. Froom J et al: Antimicrobials for acute otitis media? A review from the International Primary care Network. BMJ 1997, 315: 98-102.
6. Von der Lieth B., Therapeutische Taschenkartei für homöopathische Aerzte Hamburg, Von der Lieth Verlag, 1990.
7. Boger CM., A Synoptic Key of the Materia Medica, New Dehli, Jain Publishers, 1991.
8. Boenninghausen C.v., Therapeutisches Taschenbuch für homöopathische Aerzte 1897, Hamburg, B. von der Lieth, reprint 1990.

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