Wirkungsmessung am Mensch (Mishra)

Mishra et al.: An Exploratory Study on Scientific Investigations in Homeopathy Using Medical Analyzer

Erschienen in: The Journal of Alternative and complementary Medicine, Vol. 17, Nr. 8, 2011, S. 705-710

Während klinische Studien und Einzelfallbeobachtungen immer wieder den Erfolg homöopathischer Therapien zeigen, ist immer noch ungeklärt, wie und warum hochverdünnte Arzneimittel wirken. Regelmässig taucht dabei die Frage auf: wirkt das (homöopathische) Mittel oder ist alles “bloss” ein Placebo-Effekt? Um diese Frage zu klären, werden zur Zeit verschiedene Ansätze in der Homöopathieforschung verfolgt, so beispielsweise die Wasserlinsenversuche (Homöopathische “Behandlung” von mit Arsen behandelten Wasserlinsen) oder die “Homeopathic pathogenetic trials” (klassische Arzeneimittelprüfungen unter standardisierten Bedingungen wie z.B. Verblindung). Während bei den Arzneimittelprüfungen von den Probanden subjektiv empfundene Symptome rapportiert werden, versucht eine weitere Forschungsrichtung mittels objektiv messbarer physiologischer Daten direkt am Menschen Unterschiede zwischen Arzneimittel- und Placebogaben zu untersuchen. In diesen Bereich fällt auch die kürzlich erschienene Studie von Mishra et al.

Untersuchungsdesign

Mishra und seine Forscherkollegen nutzen für die Messung der physiologischen Reaktion auf homöopathische Arzneimittel und Placebos die Impedanz-Plethysmographie (IPS). Dieses nicht invasive Verfahren wird in der Medizin zum Studium des Blutflusses durch Gewebe bzw. Organe auf der Basis der komplexen Leitfähigkeits-(Impedanz-)Messung angewandt. Der Wassergehalt der Gewebe, welcher entscheidend die Leitfähigkeit beeinflusst, hängt in hohem Masse von der Durchblutung ab.

Für den Forschungsansatz von Mishra et al. wurde die Herztätigkeit und das Blutvolumen über einen Zeitintervall von fünf Minuten durch IPS aufgezeichnet und daraus eine Variabilitätskurve abgeleitet. Die Messung erfolgte an gesunden Probanden vor und nach der Arzneimittelgabe. Gemessen wird also, in welcher Bandbreite Herzschlag und Blutvolumen während einer gewissen Zeitspanne schwanken. Die Ausschläge dieser Kurve zeigen die sympathische oder parasympathische Reaktion des autonomen Nervensystems auf einen Reiz, in diesem Falle die Gabe eines Arzneimittels oder eines Placebos.

Für die Untersuchung standen 77 gesunde Freiwillige zwischen 18 und 35 Jahren zur Verfügung. Getestet wurde die Reaktion auf sechs homöopathische Mittel in verschiedenen Potenzen (Aconitum napellus C6, 10M; Arsenicum album C200, 1M; Gelsemium sempervirens C200, 1M; Phosphorus C200, 1M; Pulsatilla nigricans C200; Sulphur C200, 1M) sowie auf eine Placebo-Gabe. Die Auswahl der Arzneimittel erfolgte durch Repertorisationssuche. Auswahlkriterium war, dass die Mittel einen starken Einfluss auf kardiale oder respiratorische Funktionen wie Puls, Atmung etc. haben mussten. Vor der Arzneimittel- oder Placebo-Gabe erfolgten vier Messungen zu jeweils 5 Minuten, während der Proband ruhig auf dem Rücken liegen musste. Nach der Gabe des Verums oder Placebos wurden weitere drei Messungen zu fünf Minuten aufgezeichnet. Dabei wurden Erhöhungen der Amplituden um 100 Prozent oder Abnahmen um 50 Prozent nach Arzneigabe als signifikante Änderungen gewertet.

Für die Untersuchung wurden zwei Untergruppen gebildet. In der ersten Gruppe erhielten 27 Personen am ersten Tag ein Placebo, vom zweiten bis zum sechsten Tag Aconitum in aufsteigender Potenz (jeden Tag eine neue Potenz). Die zweite Gruppe mit 50 Personen erhielten alle am ersten Tag das Placebo und am zweiten Tag wahlweise eines der ausgewählten Mittel (vier bis sechs Personen pro Mittel). Mit der ersten Gruppe sollte der Effekt eines Mittels in verschiedenen Potenzhöhen gemessen werden. Bei der zweiten Gruppe wurde getestet, welche der Mittel grundsätzlich eine Veränderung hervorrufen können.

Resultate

Die Forscher kommen bei ihren Messungen zum Schluss, dass die Gabe von Placebo nicht zu einer wie oben definierten signifikanten Änderung der durchschnittlichen Herzfrequenz und des Blutvolumens führt. Die Gabe verschiedener homöopathischer Mittel produzierte teilweise signifikante Änderungen der gemessenen Parameter.

Beurteilung der Studie

Was die Studie aus homöopathischer Sicht interessant macht, ist der Versuch, mit der Messung von objektiven Parametern wie Herzfrequenz und Schlagvolumen Unterschiede zwischen Verum- und Placebowirkung sichtbar zu machen. Dies ist sicher ein Ansatz, der weiterverfolgt werden sollte, um Diskussionen um den Placebo-Effekt wissenschaftlich untermauern zu können.

Ganz klar ist jedoch auch, dass die in der Studie gefundenen Resultate ausschliesslich explorativen Charakter haben (was die Autoren auch mehrfach betonen). Studiengruppen von vier oder fünf Teilnehmern lassen keine, wie auch immer gearteten Rückschlüsse über die tatsächliche Wirkung der Mittelgaben zu. Die Schlussfolgerung der Forscher, dass einige Mittel besser in einer 200er Potenz, andere in einer M-Potenz wirken, sind reine Spekulation, umso mehr, als einige Resultate, die keine signifikanten Änderungen gezeigt haben, nicht in die Berechnung der Gesamtresultate mit einbezogen wurden! Die Versuchsanordnung, am ersten Tag allen Probanden ein Placebo zu geben dann am folgenden Tag ein Arzneimittel oder über mehrere Tage mehrere Arzneimittel ist ebenfalls diskussionswürdig: Reagieren Probanden, die über mehrere Tage ein Placebo erhalten genau gleich wie die Verum-Gruppen? Macht es Sinn, innert 5 Tagen Gaben vom gleichen Mittel in aufsteigender Potenz zu erhalten, könnte nicht die Gabe vom zweiten Tag am fünften Tag auch noch wirken? Wie werden die teilweise schon grossen Unterschiede der Kontrollmessung zwischen den Probanden vor Gabe des Placebos kontrolliert?

Trotz der Mängel in Bezug auf Untersuchungsdesign, Auswertung und Berichterstattung ist der Ansatz der Messung für sich schon interessant und müsste in grösser angelegten Studien unter kontrollierten Bedingungen wiederholt werden.

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